"Wie sollte deine Straße am besten heißen?"
Ohne Noten: im Rahmen eines Schreibprojekts notieren Schüler Erfahrungen in iherer unmittelbaren Umgebung
Tagesspiegel, Berlin, 1. Oktober 00

"Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", so lehrte es der Fuchs den kleinen Prinzen. Und nicht selten, hätte Meister Reinecke in Antoine de Saint-Exupérys lehrreichem Kinderbuch für Erwachsene hinzufügen können, sind es vor allem die Augen der großen Leute, deren Blick vieles entgeht: Schönes wie Hässliches.
Seit dem vergangenen Jahr schreiben darum Kinder im Rahmen eines Schreibprojektes selbst auf, was ihnen an ihrer unmittelbaren Umgebung gefällt und was nicht. Rund 1700 Friedrichshainer und Kreuzberger Schüler im Alter von 8 bis 13 Jahren haben bereits Texte über "Die Straße, in der ich wohne" zu Papier gebracht. Derzeit läuft das Projekt auch auch in Neukölln an. Im kommenden Frühjahr soll in Zusammenarbeit mit dem Kreuzberg-Museum und dem Heimatmuseum Friedrichshain ein Buch mit einer Auswahl von Texten erscheinen.
Wolfgang Schlenker vom Kulturamt Neukölln fuhr von Schule zu Schule, um für die Idee zu werben. "Wir wollen keine Deutsch-Aufsätze", erklärte er den Kindern, "wir möchten, dass ihr von eurer Straße erzählt." Sie verstanden und spitzten die Bleistifte. Einige schrieben im Schulunterricht unter Anleitung des Lehrers, andere nahmen die Aufgabe mit nach Hause. Wichtig sei, dass die Kinder merken, dass sie ernst genommen werden, sagt Schlenker.
Statt mit schlechten Zensuren zu drohen, forderte er die Kreativität der Kinder heraus: "Ich bin nur euer Verleger, ihr seid die Autoren." Auch den Lehrern gab er einige Anregungen, die beim Schreiben helfen sollten: Wer wohnt in deiner Straße? Wie verläuft sie? Wenn du dir einen Namen wünschen dürftest, wie würdest du sie nennen?
Die Ergebnisse sind erstaunlich. "Die Kinder haben einen klaren Sinn für Ordnung", hat Wolfgang Schlenker festgestellt. Großstadtphänomene wie Graffiti an der Hauswand oder Betrunkene auf einer Parkbank werden oft als "grobe Regelverletzung und Bedrohung" wahrgenommen.
Bestimmte Dinge seien Kindern auch aufgrund ihrer Größe näher als Erwachsenen - Hundekot aug dem Bürgersteig zum Beispiel. Und auch manch ein Lehrer hat aufgrund des Projektes dazugelernt:"Einige wussten zum Beispiel gar nicht, dass ihre Kinder Angst vor Obdachlosen haben:"

Texte von:
Felix, Bersarinplatz, Friedrichshain
Marie, Löwestraße, Friedrichshain
Max, Frankfurter Allee, Friedrichshain
Sevki, Köpenicker Straße, Kreuzberg
Hava, Wrangelstraße, Kreuzberg