"Was wäre, wenn die Colbestraße Kinderstraße
heißen würde?"
SchülerInnen der
Friedrichsberger Grundschule auf Spurensuche
Berliner Abendblatt (Friedrichshain), 14. Juni 00
Die Gäste, die Bürgermeister Helios Mendiburu am 31. Mai im Rathaus empfing,
waren ganz besondere: die Mädchen und Jungen der Klasse 5a aus der
Friedrichsberger Grundschule. Und die hatten für den Bürgermeister auch etwas
mitgebracht: die Ergebnisse ihrer Projektarbeit "Die Straße, in der ich wohne".
Sie schwärmten wie Detektive aus und begutachteten mit Argusaugen ihre Straße,
in der sie wohnen. Was sie entdeckten, gereicht dem Kiez nicht immer zu Ehren
und wird vielleicht den einen oder anderen Kommunalpolitiker anregen, sich mal
wieder auf Schusters Rappen durch den Bezirk zu bewegen: Spurensuche in
Friedrichshainer Straßen - ein bemerkenswertes Projekt mit einem noch
bemerkenswerteren Ergebnis. Eigentlich leben die Kids gern in ihrer Straße,
aber... "Ein altes Haus wurde neu aufgebaut und hat einen hellen Anstrich,
ansonsten wirkt unsere Straße kalt und grau durch die beschmierten Wände, und
wegen dem Hundekot auf unserem Fußweg auch nicht gerade sauber. Es gibt aber
auch Bäume in dieser Straße, und an zwei Ecken wurden Sträucher gepflanzt, die
jetzt anfangen zu blühen. Dann wirkt unsere Straße etwas freundlicher",
beschreibt Eileen ihre Straße, die Colbestraße.
Bereits eine Woche vor den Osterferien hatten sich die Mädchen und Jungen mit
ihrer Klassenleiterin Christin Neise darüber verständigt, wie das Projekt zu
verwirklichen sei. In den Osterferien ging es dann auf Motivsuche, denn eins war
klar: die Beschreibung allein reicht nicht aus - ein Bild muss unbedingt dazu.
Knapp vier Wochen haben die Kinder an dem Projekt gearbeitet. Herausgekommen ist
ein Spiegelbild der Wirklichkeit ohne Firlefanz und Schmus. "Mein Haus erkenne
ich, weil es total beschmiert ist und an der quietschenden Tür. Unser Hof ist
sehr unsauber und die Spielmöglichkeiten sind nicht sehr gut. Wenn ich der
Straße einen Namen geben soll, würde ich sie die "Beschmierte Straße" nennen",
schreibt Christin über die Colbestraße.
In "Kinderverbotsstraße" würde Sascha die Jungstraße umbenennen, weil er am
meisten einen schönen großen Spielplatz vermisst. Sascha formuliert es noch
drastischer: "Dreckstraße" sollte die Jungstraße heißen, weil " in unserer
Straße so viel Hundekot rumliegt". Auch Aaron findet die Schmierereien in seiner
Kinzigstraße schlimm und trotzdem würde er seine Straße in die "Spielstraße"
umbenennen: "Es gefällt mir ganz toll, weil ich hier meine Freunde habe und es
lustig ist", schreibt sie.
Alle Kinder haben ihrer Straße einen neuen Namen gegeben. So soll die Mainzer
Straße, in der Roger wohnt, "Dönerstraße" heißen, wegen der drei Dönerläden. Die
Harnackstraße würde Aileen in "Straße der Unfreundlichkeit" umtaufen.
Mit wachen Augen sind die Mädchen und Jungen der 5a durch ihre Straßen gegangen.
Manches haben sie dabei vielleicht neu entdeckt, manches aber auch als besonders
störend empfunden. Und manch einer von ihnen wird sich wünschen, seine Straße so
woe doe von Steffi beschreiben zu können: "Vor meinem Haus steht eine
wunderschöne, alte und sehr große Eiche, die fast auf unseren Balkon gelangt. Es
gibt einen riesengroßen Sportplatz und da spiele ich oft mit meinem Ball. Mein
Haus ist renoviert und sehr hübsch anzusehen. Ich lebe sehr gerne in meiner
Straße, weil sie ruhig und gelassen wirkt." Steffi wohnt in der
Wilhelm-Guthke-Straße in Zeuthen...
Inzwischen sind auch fast alle alle Eltern vom Ergebnis der Projektarbeit
informiert. "Jedes Kind nimmt für einen Tag die Mappe mit nach Hause", erklärt
Klassenleiterin Christin Neise, die an der Friedrichsberger Grundschule Deutsch
und Englisch unterrichtet. Sie war es auch, die die Projektmappe mit einem
"Anhängsel bestückte", die sie noch interessanter macht: Daten über die Straßen,
in denen die Kinder wohnen. Wer weiß denn schon, dass die Colbestraße ihren
Namen zur gleichen Zeit wie die Corinth- und die Modersohnstraße erhielt und das
C vielleicht ein Schreibfehler ist? Immerhin schreibt sich Georg Kolbe
(1874-1947) mit K.
Wer sich für den Ursprung der Straßennamen interessiert, kann weitere
Informationen unter www.luise-berlin.de abrufen.