"Unsere Spielwiese wird zugebaut"
Nürnberger Nachrichten, 10. April
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Verena möchte zwar am liebsten in einem Schloss oder in einer Villa wohnen, doch
die Zehnjährige fühlt sich auch in der Darmstädter Straße wohl. "Mein Hof, der
ist groß, da kann man Fußballspielen, Straßenmalen kann man auch. In meiner
Straße wohnen viele Kinder, nur ganz wenige Ältere", schreibt die
Viertklässlerin von der Schule im Knoblauchsland.
Auch Oliver fühlt sich eigentlich ganz wohl daheim im Kühgaßfelderweg in
Laufamholz. "Es ist mehr eine kleine Straße, aber man kann ganz gut darauf
spielen. Denn es fahren sehr selten Autos vorbei. In unserem Garagenhof ist ein
Basketballkorb. Damit spielen wir sehr gern und wir sind gar nicht mal schlecht.
Von zehn Würfen treffen wir mindestens acht. Eigentlich kenne ich meine Straße
wie meine Westentasche. Aber unsere Spielplätze, also die Wiesen und Berge,
werden bald nicht mehr existieren, weil die Wiesen und Berge zugebaut werden.
Bald wird auch ein Kindergarten eröffnet. Und wir warten schon lange auf unseren
Spielplatz, der uns versprochen wurde."
Zwei Texte, die das wiederspiegeln, was die Kinder bewegt: es geht um fehlende
Spielplätze, unfreundliche Nachbarn und den Verkehr vor der Haustür. Oder aber
um Wiesen und Tümpel, Freunde die um die Ecke wohnen und Garagenhöfe, in denen
man bolzen darf. Ganz alltägliche Dinge sind es, die derzeit Nürnberger
Grundschüler in einem ungewöhnlichen Schreibprojekt zu Papier bringen. "Die
Straße, in der ich wohne" heißt die Aktion, die unter Federführung des
Städtischen Schulamtes aus Kindern Autoren machen möchte. Nicht lästige,
mitunter realitätsferne Deutschaufsätze sollen entstehen. Ziel ist vielmehr das
"lustvolle Schreiben", wie Schulamtsleiter Manfred Schreiner betont. Die Kinder
sollen selbst Erlebtes und Beobachtetes wiedergeben und damit ein Bild von der
Stadt zeichnen, in der sie leben.
Projektleiter Wolfgang Schlenker war mit seiner Idee bereits in den drei
Berliner Bezirken Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln erfolgreich. Jetzt sind
erstmals die Grund-, Haupt- und Förderschulen einer ganzen Stadt aufgerufen,
sich zu beteiligen, und Schreiner und Schlenker hoffen auf eine rege Resonanz.
"Mein Traum wäre es, wenn wir aus jeder Straße eine Zuschrift bekämen", sagte
Schreiner. Mitmachen können Erst- bis Sechstklässler, sie haben Zeit bis zum
Schuljahresende. Sämtliche Texte werden dokumentiert und an die einzelnen
Klassen zurückgeschickt - als ein ganz besonderes Lesebuch. Die 200
originellsten Beschreibungen werden in einem Buch zusammengefasst.
Profitieren können von dem Projekt auch die Politiker, die nach Ansicht von
Schlenker und Schreiner ein authentisches Bild der Stradt aus der Sicht von
Kindern bekommen werden. In Berlin jedenfalls blieben die Berichte nicht ohne
Wirkung. Dort schickte ein Bezirksbürgermeister sogar Sozialarbeiter an von den
Schülern beschriebene Brennpunkte. In Nürnberg ist die Aktion zwar gerade erst
angelaufen, doch die ersten Texte verraten bereits, welche Sorgen die Kinder
umtreiben. "Bei mir war im Haus schon einmal die Polizei mit einem Hund, weil
über mir ein Drogendealer gewohnt hat", schreibt Ngoc aus der Schnieglinger
Straße, der es allerdings spannend findet, dass so viel passiert. "Und immer
wenn wir im Hof Fußball spielen, dann schimpft immer eine Frau, sie wohnt auch
noch in meinem Haus." Nadine aus der 6a der Thusnelda-Schule klagt über den
Verkehr. "Es passieren halt immer große und kleine Unfälle in der Ostendstraße.
Aber am besten wäre es, wenn keine Unfälle geschehen. Trotzdem mag ich meine
Straße."