| „Die Straße gehört den Kindern“ RegioPress, Erlangen, September 03 Wie heißt es in einem berühmten Schlager: „Manchmal geh ich meine Straße ohne Blick“. Einen ziemlich genauen Blick auf ihre Straße – und vor allem Dingen einen sehr individuellen – haben Kinder. Da können zwei Beschreibungen ein- und derselben Straße schon einmal ziemlich stark voneinander abweichen. Wie Kinder die Straße, in der sie wohnen, sehen, ist der Ansatzpunkt eines ambitionierten Projektes aus Nürnberg. „Die Straße, in der ich wohne“ nennt richtet sich an die Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6. In dem Schreibprojekt werden die Kinder aufgefordert, anhand von sieben bis neun thematischen Fragestellungen, Geschichten aus ihrer Straße zu erzählen. Dabei entstehen dann Texte wie der von Dunja aus Nürnberg: „Ich heiße Dunja, bin zwölf Jahre alt und wohne in der Sybelstraße. In meiner Straße wohnen sehr viele Kinder, aber auch sehr viele alte Leute. Die Kinder sind zwischen neun Monaten und 14 Jahren. Sie sind alle verschieden, aber auf eine Art auch wieder gleich. Es gibt Kinder, die mögen Fußball, andere mögen Volleyball lieber, aber wenn es heißt, dass Verstecken gespielt wird, dann sind alle dabei. Die alten Leute sind zwischen 40 und 80 Jahren alt. Sie sind ganz nett und geben den Kindern manchmal etwas Süßes. Wenn mich jemand fragen würde, in welcher Straße ich wohne, dann würde ich sagen, dass ich in der besten Straße wohne, und dass es da die freundlichsten Leute und Kinder gibt.“ Gestartet wurde die Kinderstraße in Berliner Bezirken, im Frühjahr wurde in Nürnberg „Die Straße, in der ich wohne“ erstmals in einer gesamten Stadt durchgeführt. Hier in Nürnberg gründete sich auch der Verein „Kinderstrasse e. V.“, der nun sogar einen internationalen Ansatz verfolgt. Im vergangenen Jahr wurde das Projekt in den Partnerstädten Nürnbergs, Glasgow, Prag, Krakau und San Carlos durchgeführt. Analog den Partnerstädten schwebt den Initiatoren auch vor, Partnerstraßen ins Leben zu rufen. Hier könnten Partnerschaften zwischen Straßen mit ähnlichen Namen auf der ganzen Welt entstehen, wie Wolfgang Schlenker schwärmt. Ein ganz neuer Ansatz der Völkerverständigung. Der Kreis der Unterstützer ist groß. Unicef Deutschland und das Bundesministerium für Bildung und Forschung fungieren als Schirmherren des ehrgeizigen Projektes. Zu den Unterstützern zählen verschiedene Ämter und Bildungseinrichtungen, Stiftungen bis hin zur Walt Disney Company und der BMW Group. Die Geldmittel des Nürnberger Vereins sind dennoch knapp, gemessen an den möglichen Erweiterungen. So könnte sich das Team um Schlenker gut vorstellen, internationale Kindertreffen zu veranstalten. Zunächst sollen nun aber die Schüler deutschsprachiger Schulen auf der ganzen Welt mit der Kinderstraße angesprochen werden. Immerhin 130 Auslandsschulen sind rund um den Globus verteilt. Da wartet jede Menge Organisation und Arbeit auf den Verein. Kosten werden dadurch gespart, dass die Kinderstraße als reines Internetprojekt umgesetzt wird. Man nutzt also den vernetzenden Gedanken des World Wide Web. Vernetzung ist auch der Ansatz der Kinderstraße insgesamt. „Wir sind davon überzeugt, dass das Projekt für die beteiligten Kinder einen klaren integrativen Aspekt hat, den diese auch wahrnehmen können“, heißt es in der Konzeptionsbeschreibung. Darüber hinaus sollen Kinder ermutigt werden zu schreiben und den Umgang mit dem Medium Text zu erlernen. Aber selbst stadtplanerische Erkenntnisse könnten einmal aus den Texten der Kinder gezogen werden. Schließlich sehen Kinder die Welt, und sei es die vor ihrer Haustür, mit ganz anderen Augen als Erwachsene. Diese Welt, die eigene Straße, wurde bewusst zum Thema gemacht. Denn die Straße stellt die Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben dar. Hier prallen Außen- und Innenwelt aufeinander. Damit ist die Kinderstraße mindestens ebenso lehrreich wie die Sesamstraße. Auch bei der Zielgruppe wird das Projekt ausgedehnt. So richtet sich „Die Straße, in der ich wohne“ künftig auch an Jugendliche. Hier werden zunächst Schüler in Kassel angesprochen. Auf internationaler Ebene sind soeben die ersten Texte aus Rio eingetroffen. Beim Lesen der Texte fallen einem zwei Dinge auf. Erstens: ganz anders als in Deutschland ist Sicherheit für die Kinder nicht selbstverständlich, und so taucht das Thema in jedem zweiten Text auf. So schreibt der kleine Murillo aus der 6. Klasse: „Die Wachen fahren mit einem Motorrad oder Auto um zu wachen. In meiner Straße sind die immer am Wachen. Ich habe viele Freunde. Aber da sind auch viele Alte. Ich wohne gerne in meiner Straße, weil sie viel bewacht wird. Die Straße ist sehr ruhig. Dort gibt es viele Bäume.“ Mit einem zweiten Problem können sich deutsche Kinder schon eher identifizieren, zumindest in Berlin. Denn hier, wie in Rio, scheint es relativ viele Hundehaufen zu geben. „Die Falkstraße ist von der Kopfstraße bis zur Werbellinstraße lang. Es gibt zwei große Spielplätze, einen großen Fußballplatz, einen großen Basketballplatz. Der einzige Laden ist ein großer Zeitungsladen. Wir haben ein Merkmal vor meinem Haus, es soll eine Sonne sein. Die Straße ist sehr dreckig, es liegt überall Hundekacke rum“, so Carsten aus Neukölln. Über den Fortschritt des Projekts kann man sich auf der Internetseite informieren. Denn nicht nur die einzelnen Kinder und Klassen erhalten ihre Texte zurück, im Internet stehen alle Straßenbeschreibungen zur Verfügung. Die Texte werden übrigens nur da verbessert, wo es sich um eindeutige orthographische Fehler oder grammatikalische Fehler handelt, oder wo die Verständlichkeit stark eingeschränkt ist. Idiome hingegen werden beibehalten, was auch einen besonderen Reiz ausmacht. Vor allen Dingen aber ist es der genaue Blick, den die Kinder für ihre Straße haben, und der manchen Erwachsenen eben fehlt, wie der Schlager sagt. |