"So sehen Kinder die Straßen, in denen sie
wohnen"
Das Buch "Lust auf Nürnberg"
entstand aus einem Schreibprojekt in 255 Schulklassen
Nürnberger Zeitung, 25. September 02
Wollen Sie wissen, wie es in Nürnberg wirklich aussieht? Dann fragen Sie Kinder.
Oder noch besser: lesen Sie in dem neuen Buch "Lust auf Nürnberg". Dort erzählen
200 Kinder aus 56 Schulen im Stadtgebiet, wie sie die Straße sehen, in der sie
wohnen. Oft sind es nur wenige Sätze, manchmal fast eine Buchseite, auf der die
Erst- bis Sechstklässer ihre kleine Welt pointiert beschreiben.
Asso zum Beispiel erzählt, dass er oft Fußball spielt und dabei den Rasen
zerstört. Wenn der Hausmeister den Ball wegnehmen will, rennen die Kinder davon:
"Was ich gut finde ist, dass der Hausmeister dick ist und mir nicht folgen
kann." Dominic beschreibt die Rahm als "die kaputte Straße von Nürnberg", weil
dort das Kopfsteinpflaster "an vielen Stellen abgesackt" ist. Und Christoph
findet seine Eichenstraße "gut, weil es nette Nachbarn gibt. Aber ganz doof
daran ist, dass da so viele Autos durchfahren und parken. Da kann man gar nicht
Fußball spielen."
Diese und viele weitere Skizzen entstanden in einem Schreibprojekt an Nürnberger
Grund-, Haupt- und Förderschulen. Weg vom starr reglementierten Deutschaufsatz,
hin zur kreativen Textproduktion, lautete die Idee vor knapp zwei Jahren. Denn
Schreiben macht auch den Kids von heute Spaß, wie Eltern an der täglichen
SMS-Flut unschwer feststellen können. Genau 255 Nürnberger Klassen folgten dem
Aufruf aus dem Amt für Volks- und Förderschulen. - 5035 mehr oder weniger
freiwillig geschriebene Aufsätze flatterten wenig später in die städtische
Behörde. "Da sind wir selbst erschrocken", berichtete Amtsleiter Manfred
Schreiner gestern bei der Buchvorstellung.
Sämtliche Beiträge wurden zunächst in zwei DIN-A-4-Bänden zusammengefasst, jeder
so dick wie eine Doktorarbeit. Dann ging es an die Auswahl für das Buch, und
"das war wirklich schwer", so Schreiner. Denn in praktisch allen Aufsätzen
offenbaren die kleinen Autoren sich selbst und ihre Weltsicht. Welcher
Erwachsene hätte etwa gedacht, dass gerade Kinder sich am Dreck auf den Straßen
stören - und dies in den Aufsätzen auch immer wieder thematisieren. Der
Erstklässlerin Lisa aus der Welserstraße zum Beispiel gefällt "eine Sache ganz
und gar nicht": der Mülltonnen-Platz vor dem Wohnhaus "stinkt vielleicht, das
hält kein kleines Schwein aus". Ausgewählt wurden die 200 Aufsätze nach den
Worten Schreiners schließlich so, dass die entsprechenden Straßen typisch
beschrieben und dass alle Altersgruppen sowie alle beteiligten Schulen in dem
Buch vertreten sind.
"Lust auf Nürnberg - Kinder sehen ihre Straße" ist in einer Auflage von 1000
Stück im Domino-Verlag erschienen. Der Verein Lehrerheim e.V. hat die Hälfte der
Herstellungskosten übernommen, so dass 500 Bücher kostenlos an die Nürnberger
Grund-, Haupt- und Förderschulen gehen. Die weiteren Exemplare verkauft das Amt
für Volks- und Förderschulen für 10.80 Euro.
Die gut 5000 Beiträge starke Originalsammlung hat die Schulverwaltung übrigens
an etliche städtische Dienststellen verteilt. Unter anderem bekam das
Stadtplanungsamt eine Kopie - mit dem Auftrag, doch in den Texten einmal
nachzuforschen, was sich Kinder von den Stadtplanern so wünschen. In der
Katzwanger Brendelstraße etwa werden Ball spielende Kinder immer von
schimpfenden Anwohnern verjagt. Dabei, so Schreiner, sei die Wiese dort für
einen Baseball-Platz doch bestens geeignet...