"Sechstklässlerin Alice lebt in der "Lauten Straße"
800 Kinder beschreiben in einem einzigartigen Projekt "Die Straße, in der ich wohne"
Berliner Zeitung, 8. Februar 00

Sie schimpfen über Hundekot auf dem Gehsteig, haben Angst vor Ratten und Punkern, und wären froh, wenn der Baustellenlärm endlich aufhörte. Trotzdem lieben sie ihren Kiez und die Straße, in der sie wohnen. 800 Kreuzberger Kinder beschrieben im Rahmen des Projekts "Die Straße, in der ich wohne" ihre Wohnsituation. Im Frühjahr werden diese Texte im Kreuzberg-Museum zu sehen sein. Auch ein Buch ist geplant.
Der Projektleiter Wolfgang Schlenker besuchte im vergangenen Schuljahr 19 Kreuzberger Grundschulen. Schüler von der zweiten bis zur sechsten Klasse schrieben freiwillig oder in Schulaufsätzen über ihre Straßen. Herausgekommen ist eine Sammlung von Texten, die ungeschönt das Leben in Kreuzberg aus Kindersicht beschreiben.
Schlenker wählte das Thema Straße, weil er darin eine Schnittstelle zwischen öffentlichem und privatem Bereich sieht. Auch in Hinblick auf die verschiedenen Nationalitäten wollte er mehr über die Sicht der Kinder erfahren. In einigen Klassen waren 80 Prozent der jungen Schriftsteller ausländischer Herkunft. So sind auch die unterschiedlichen Kulturen ein Thema, mit dem sich die Kinder beschäftigen. Sie beschreiben Moscheebesuche und erklären, warum Frauen Kopftücher tragen.
Er habe beim Lesen der Texte viel gelernt, sagt der Projektleiter. "Am Anfang habe ich mich gefragt, warum so viele Kinder den Müll im Hinterhof und den Hundekot auf der Straße bemängeln. Für Kinder ist das etwas anderes als für Erwachsene: weil sie kleiner sind und auf der Straße spielen, riechen sie ständig den Dreck", sagt Schlenker. Auch der Lärm von Baustellen und Autos ist für die Kinder ein wichtiges Merkmal ihrer Straße. So fällt der Sechstklässlerin Alice als Erstes über die Wilhelmstraße ein: "Ich würde sie Laute Straße nennen." Hakan aus der Naunynstraße nennt seine Straße Prügelstraße. Denn vor dem Jugendzentrum beobachtet er häufig Schlägereien.
Die Umwelt der Kinder erscheint in vielen Geschichten als bedrohlich. Die Kinder erleben Drogenabhängige, begegnen Ratten im Hausflur und haben Angst vor Jugendlichen, die Messer bei sich führen. Doch sie erzählen auch von ihren Lieblingsbäumen und beschreiben aufregende Erlebnisse wie Demonstrationen oder Begegnungen mit Touristen. Achudahn aus der Skalitzer Straße würde seine Straße am liebsten Türkische Straße nennen. "Weil dort viele türkische Leute wohnen. Oder Friedensstraße, weil es dort sehr friedlich ist", schreibt der Drittklässler. In seiner Straße trinken die zehnjährigen Jungen Bier und rauchen, schreibt Nergis. "Aber alle halten zusammen und sind Freunde. Das ist die Neuenburger Straße."
Eine Auswahl der Texte will Wolfgang Schlenker in einem Buch herausbringen. Die Texte sollen wie ein Reiseführer nach Straßen sortiert werden. Noch ist jedoch nicht klar, wie das Buch finanziert werden soll. Schlenker plant jetzt ein ähnliches Projekt in Friedrichshain.

Texte von:
Paria, Köthener Straße
Muhammed, Friedrichstraße
Tasmina, Kochstraße