Schreibprojekt schafft Topographie von Freiburg aus Kindersicht
3journal, Freiburg, Januar 03

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in eine Buchhandlung, um sich einen Reiseführer zu kaufen. Von Freiburg? Aber klar doch, da haben wir sogar einen ganz besonderen. Sagt der Buchhändler und drückt Ihnen ein Büchlein in die Hand, das Sie wahllos aufschlagen. Lorettostraße! Da wohnt meine Bekannte, die ich besuchen werde. Mal sehen, was darüber geschrieben steht.
Ich bin Markus und bin zehn Jahre alt. Seit ich denken kann, wohne ich in der Lorettostraße. Dort gibt es ein altes Freibad. Das ist mein Lieblingsplatz im Sommer. Gleich daneben ist die Loretto-Schule, wo ich in der vierten Klasse bin. Gegenüber von Freibad und Schule wohne ich. Das ist ideal, weil ich nie mit dem Fahrrad rumfahren muss. Das wäre nämlich gefährlich, bei dem vielen Verkehr. Unsere Nachbarin sagt, die Loretto stinkt. Ich denke das nicht. Auf der Lorettostraße duftet es nämlich manchmal nach Pizza. Vorn an der Ecke ist ein Italiener, und dort gibt es die leckerste Pizza von ganz Freiburg. Deswegen wohne ich gerne hier.
Ein Witz? Keinesfalls! Die Initiative für solche Texte gibt es schon: Die Straße, in der ich wohne, ein Projekt, das seit 1999 mit dem Initiator Wolfgang Schlenker durch Deutschland tourt und GrundschülerInnen zum Geschichtenschreiben über ihre Straße anregt.
Interview mit Wolfgang Schlenker:
Welche Motive bewegten Sie, dieses Projekt auf die Beine zu stellen?
Wir gehen davon aus, dass Kinder die Welt mit anderen Augen wahrnehmen als Erwachsene und dass diese Sichtweise die der Erwachsenen ergänzen könnte. Ein weiterer Grundgedanke heißt Vernetzung. Wir sprechen mit unserem Projekt nicht nur deutsche Muttersprachler an, sondern ermutigen gerade Kinder nichtdeutscher Herkunft zur Teilnahme. Dieser integrative Aspekt zeigt, dass im Vordergrund nicht die einwandfreie Beherrschung der deutschen Sprache steht, sondern die Originalität und Anschaulichkeit der Texte.
Warum haben Sie gerade die Straße als Thematik gewählt?
Die Straße hat die Eigenschaft, dass sie eine Art Grenzlinie zwischen privatem und öffentlich-anonymem Raum darstellt. Sie ist so ungefähr die geographische Entsprechung zu Nähe und Fremde. Außerdem ist durch diese Themenwahl gesichert, dass jedes Kind etwas dazu schreiben kann, denn jedes Kind wohnt ja in einer Straße.
Welche Zielgruppen möchten Sie mit diesem Projekt ansprechen?
Das Schreibprojekt ist für Kinder der Klassen 1 bis 6 an Grund- und Hauptschulen konzipiert. Die Leser der Texte kommen jedoch aus allen Altersgruppen, also Schulfreunde oder Familienangehörige der Schreibenden und natürlich alle anderen Interessenten.
Welche Projekte sind im bundesdeutschen Gebiet momentan in Planung?
Seit Oktober 2002 läuft das Projekt in Tübingen, Weimar und in der Münchner Innenstadt, also Orte mit ausgeprägtem kulturellem Hintergrund. Im Frühjahr 2003 werden wir mit dem Projekt auch an die Freiburger Schulen gehen.
Haben Sie auch Interesse, das Projekt im Ausland zu starten?
Bereits im Frühjahr 2002 begann die erste Ausschreibung in den Partnerstädten Nürnbergs. Ungefähr 600 Kinder aus den Städten Glasgow, Krakau, Prag und San Carlos schreiben vom Leben in ihrer Straße. Ein Traum von mir ist es, das Projekt im New Yorker Stadtteil Manhattan durchzuführen.
Wo startete das Projekt „Die Straße, in der ich wohne“?
Die ersten Texte kamen von Schülern und Schülerinnen aus den Berliner Stadtteilen Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln, also Problembezirke mit einem starken Migrantenanteil. Wir wollten erfahren, wie Kinder mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund dort wohnen. Als Nächstes folgte Nürnberg, das erste gesamtstädtische Gebiet unseres Projektes.
Was motiviert die Kinder dazu, diese Texte zu schreiben?
Die beteiligten Kinder sollen die Motivation haben, Geschichten aus ihrer Straße zu erzählen, die anderen Menschen einen Eindruck vom Leben in der Straße vermitteln. Alltäglich und nicht alltägliche Ereignisse werden dabei auch kritisch unter die Lupe genommen. Wir sagen den Kindern, dass das Projekt zwar im Unterricht durchgeführt wird, des Weiteren aber über die Schule hinausgeht, und dass wir alle Texte, die bei uns eintreffen, in mehreren Schritten veröffentlichen werden. Das heißt, wir geben den Wortmeldungen der Kinder ein Forum. Möglicherweise werden ihre Meinungen und Vorschläge dann auch bei städteplanerischen Veränderungen miteinbezogen.
Wo beginnt Ihrer Arbeit?
Der erste Schritt besteht zunächst darin, während der Planungsphase Kontakt mit Stiftungen und möglichen Sponsoren zu knüpfen, um die Frage der Finanzierung zu klären. Gleichzeitig nehmen wir Kontakt mit den zuständigen Ämtern auf, wie beispielsweise dem Kinderbüro und dem Schulamt der Stadt Freiburg, sowie mit anderen Initiativen vor Ort, die sich für Kinder einsetzen. Diese Kooperationspartner sind für uns sehr wichtig, weil sie mit dem Material der Kindertexte auch nach Beendigung unserer Arbeit weiterarbeiten, und eine Nachhaltigkeit des Projektes über die Publikationen hinaus garantieren.
Mit welchen inhaltlichen Vorgaben entstehen die Straßentexte der Kinder?
Die Kinder erhalten mit dem Schreibauftrag in ihrer Klasse eine Liste mit acht bis zehn Fragen, die zur Inspiration dienen soll. Beispielsweise wird gefragt, wie ihre Straße heißen würde, wenn die Kinder ihr selbst einen Namen geben dürften. Gibt es etwas, was es nur in ihrer Straße gibt? Was ist vertraut in dieser Straße, was ist fremd? Das Bearbeiten der Fragen soll aber auf keinen Fall schematisch oder der Reihe nach geschehen. Die originellsten Texte entstehen, wenn die Kinder einzelne Fragen als „Gerüst“ herausgreifen und ansonsten frei schreiben. Primär sollen sich die Kinder einfach vorstellen, sie würden einem Freund in einer anderen Stadt ihre Straße beschreiben.
Wie gehen Sie bei der Bearbeitung der Kindertexte vor?
Bei der Digitalisierung korrigieren wir das Textmaterial nur bei Grammatik- und Rechtschreibfehlern, die die Verständlichkeit des Textes erschweren. Spracheigenheiten oder idiomatische Redewendungen, die für Kinder eines bestimmten Alters oder einer Region typisch sind, möchten wir beibehalten, weil die Texte sonst ihre Authentizität verlieren. Wichtig ist für uns, dass alle Texte gleichberechtigt behandelt werden.
Was geschieht außerdem mit den Texten, die bei ihnen eingehen?
Die Texte werden zunächst an die einzelnen Klassen zurückgegeben. Dann werden alle Texte, alphabetisch nach Straßennamen geordnet, in einer Gesamtdokumentation veröffentlicht und parallel dazu ins Internet gestellt. Schließlich wird eine Auswahl der bemerkenswertesten und typischsten Texte in einem Buch veröffentlicht.
Welche übergeordnete Zielsetzung sehen Sie für die Kinder in diesem Projekt?
Das primäre Ziel ist es, die Kinder zu zum Schreiben zu ermuntern und ihre Haltung als Schreibende positiv zu beeinflussen. Darüber hinaus wollen wir ihnen mit diesem Projekt ein Forum bieten für ihre individuellen Eindrücke von ihrem Lebensumfeld und für ihre Ideen, dieses Umfeld kindgerechter und schöner zu gestalten.


Texte von:
Gilliam, 11 Jahre, Millhouse Drive, Glasgow
Noheria Yolanda, 5to grado, Calle sin nombre, San Carlos (Nicaragua)
Inka, 4. Klasse, Reichenberger Straße, Berlin-Kreuzberg