„Nah an der Sonne“ Kinder beschreiben in einem Buch ihre Straße Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, 29. Juni 04 TÜBINGEN (kai). Kinder ticken anders. Sie messen die Straße, in der sie wohnen, mit anderen Maßstäben: in Schritten, an der Zahl der dort lebenden Tiere, an Geheimverstecken oder an der Nettigkeit der Nachbarn. Kinder sehen genau hin. „Meine Nachbarin ist ein Birnengesicht“, schreibt Pinelopi aus der Aischbachstraße. „Das Seltsame am Kirschnerweg ist, dass er eigentlich aus zwei Teilen besteht, die wie ein T aneinander geklebt sind“, berichtet Caroline. Die beiden gehören zu den 720 Kindern an Tübinger Grundschulen, die (wie berichtet) von Oktober 2002 bis März 2003 beim Projekt „Die Straße, in der ich wohne“ mitgemacht und einen Text geschrieben haben. 170 Geschichten über Straßen – von A wie Achalm- bis Z wie Zwehrenbühlstraße – sind jetzt gedruckt. Die anderen finden sich im Internet (www.kinderstrasse.org). Erwachsene können im Buch viel entdecken, wenn sie offen sind: Tübingen aus Kindersicht, die eine ganz eigene ist. Kinder sagen es anschaulich. Die Straße Im kleinen Feldle in Kilchberg, in der Daniel lebt, „ist überhaupt nicht groß, so dass eine amerikanische Staatskarosse ohne Schaden nicht parken könnte“. Die Lilli-Zapf-Straße in Loretto sieht in Alices Augen aus „wie ein Kamm, den man sich in die Haare stecken kann“. Daniela erlebt die Galgenbergstraße als „immer fröhlich“. Sie hat zwei entscheidende Vorteile: „Sie ist nah an der Sonne und nah an der Schule.“ Kinder wissen genau, was sie von ihrer Wohngegend erwarten. Den Lorettoplatz empfindet Katharina als „superaffensahnemäßigsuperstarke“ Adresse. Der Grund für ihre Gunst: „Immer, wenn ich rausgehe, ist jemand zum Spielen da.“ Überhaupt spielen die Nachbarn eine große Rolle. Manche Kinder wie etwa Inci haben Angst vor ihnen. Andere wie Michaela aus der Judengasse möchten sie nicht missen, „weil wir immer zusammenhalten, auch wenn wir streiten“. Die vielen jungen und älteren Leute in der Hartmeyerstraße findet Antje gut, „denn dann hat mein Opa (. . .) noch jemand zum Quatschen“. Kinder können auch sehr kritisch sein. Jonathan aus der Neckarhalde stinkt’s, dass viele Hunde in seiner Straße denken, „dass sie auf dem Klo sind“. Burak aus der Ammergasse stört sich an den Tauben, „die auf unsere Fenstersimse Kacke machen“. Schlicht in „Lärmstraße“ würde Fabian den Rittweg in Hirschau umbenennen, weil viele Autos durch das Industriegebiet fahren. Kinder entdecken Vorteile, die anderen verborgenen bleiben. Einrad-Fahrerin Laura schätzt den Parkscheinautomaten in der Eugenstraße, an dem sie sich gut festhalten kann. Phöbe profitiert von der günstigen Lage der Nonnengasse. Manchmal macht sie samstags einen kleinen Stand und verkauft ihre alten Spielsachen. Weil da viele Leute unterwegs sind, „habe ich auch Kundschaft“. In Valentins Straße Beim Herbstenhof wohnen zwei berühmte Leute: ein deutscher Meister im Speerwurf und ein Weltmeister im Fernlenkauto fahren. Tan Phat blickt von der Kronenstraße direkt aufs Rathaus. So „kann man jeden Tag die Bürgermeisterin sehen“. INFO Die Straßen, in denen wir wohnen, Band 2 Tübingen, Kinderstraße e.V. (Hrsg.), Books on Demand, 7.95 Euro ISBN 3-8334-1210-0 |