"Mit Kinderaugen betrachtet"
Tagesspiegel, Berlin, 20. Oktober 99
Wenn Kinder ihre Umgebung ganz genau beobachten, dann entdecken sie dabei
mitunter ungewöhnliche Dinge. Alltägliche Situationen werden zu besonderen
Ereignissen, und Menschen, denen sie in ihren Straßen ständig begegnen,
entwickeln sich bei genauerem Hinsehen zu liebgewonnenen oder verhassten
Individuen. In Kreuzberg haben rund 800 Kinder von April bis zum Ende des
vergangenen Schuljahres ihr Wohnumfeld im Rahmen des Projektes "Die Straße, in
der ich wohne" genauer betrachtet.
Mit Unterstützung ihrer Klassenlehrer haben die Kinder ihre Beobachtungen
aufgeschrieben. Alle Texte sind jetzt als eine 200 Seiten starke Dokumentation
erschienen, die einen tiefen Einblick in das Verhältnis der Kinder zu ihrem
Wohnumfeld bietet. "Zu 75 Prozent haben die Kinder versucht, ihre Straße positiv
darzustellen", sagt Projektleiter Wolfgang Schlenker. Diese positiven Eindrücke
machen die meisten Autoren an ihren Freunden und Spielkameraden fest, die in der
unmittelbaren Nachbarschaft leben. Auch Spielplätze, Freizeiteinrichtungen und
Parkanlagen werden von den meisten Kindern als sehr wichtige Treffpunkte
dargestellt. Trotzdem nehmen auch die Negativ-Eindrücke viel Platz in den
Berichten ein. So liest man beispielsweise häufig vom Ärger über Schmutz und den
starken Autoverkehr in den Straßen.
In ihren Texten erzählen die Kinder von ihren Häusern und Wohnungen, von ihren
Familien und dem Leben direkt vor ihrer Haustür. "In der Köpenicker Straße fühle
ich mich wie zu Hause", schreibt beispielsweise Idris aus einer vierten Klasse.
Auf den starken Autoverkehr könnte er allerdings verzichten, und auch den Namen
würde er ändern, denn "in meiner Straße gibt es so viele Muslime, deshalb würde
ich sie Arabische Straße nennen. Dann dürften die Leute auch ruhig auf Kamelen
reiten", schreibt der Junge weiter.
Andere beschränken sich auf eine sachliche Beschreibung von Alltagssituationen.
So schreibt beispielsweise ein türkisches Mädchen aus der Waldemarstraße: "Auf
unserem Hinterhof gibt es Drogenhändler, die Drogen in die Erde stecken, und
einmal haben die Polizisten für 400 Mark Drogen gefunden. Auf unserem Hinterhof
gibt es auch einen Kindervergewaltiger und meiner Freundin ist er hinterher
gerannt." "Viele Lehrer haben bestätigt, dass sie durch das Projekt und die
Texte ihre Schüler , deren Ängste und täglichen Konflikte besser kennengelernt
haben", sagt Schlenker. Er hofft, auch in anderen Schulen, beispielsweise im
Ostteil der Stadt, ein ähnliches Projekt starten zu können. "Dabei könnten
wieder ganz andere Texte entstehen", sagt der Projektleiter.