"Mit den eigenen Worten"
Schüler schreiben über ihre
Spielplätze, Nachbarn, ihren Wohnort. Bereits über 9000 Beiträge auf
kinderstrasse.org
Tagesspiegel, Berlin, 6. November 02
"Sind Computer im Klassenzimmer sinnlos?" titelte neulich die "Süddeutsche" und
verwies auf eine israelische Studie, die den pädagogischen Sinn der
"Computer-Vollstopfung" bei Kindern, Lehrern und Schulen in Frage stellte. Apple
sponsort Schüler-Laptops, die Telekom legt Datenkabel in deutsche Klassenräume,
Lehrer bekommen abends Softwarenachhilfe, und am Ende sei die Leistung der
Schüler auch nicht besser. Im Gegenteil. Angeblich brachten Viertklässler, die
mit dem Computer unterrichtet wurden, im Fach Mathmatik schwächere Leistungen,
so die Studie, die Schulklassen mit und ohne PC direkt miteinander verglich.
Sind Kindersoftware und schlaue Internetseiten also für die Katz? Vielleicht
sollte man das mit dem multimedialen Nutzen bei dieser Generation spielerischer
angehen, wie es das Projekt kinderstrasse.org tut. "Die Straße, in der ich
wohne" heißt das virtuelle Schreibprojekt für den Deutsch- und
Sachkundeunterricht der Klassen 1 bis 6. Im Rahmen des Unterrichts werden Kinder
aufgefordert, darüber zu schreiben, was sie am besten kennen: ihre Umgebung,
ihre Spielplätze, ihre Nachbarn, ihre Straße. Die Texte werden anschließend
digitalisiert und an die einzelnen Klassen zurückgegeben. Jedes Kind, das sich
am Projekt beteiligt, bekommt seinen Text als Computerausdruck zurück. Eine
Auswahl der bemerkenswertesten Texte soll als Buch erscheinen. Die Texte darin
werden nach dem Namen ihrer Straße und nach ihrer jeweiligen Lage in der Stadt
angeordnet sein - eine Topographie des jeweiligen Ortes aus der Sicht von
Kindern.
Auf kinderstrasse.org sind so bereits über 9000 Texte zusammengekommen. Das
Projekt startete 1999 in Berliner Schulen, mit Beiträgen aus Kreuzberg,
Friedrichshain und Neukölln. Dazu kamen in den vergangenen Monaten Texte aus
Nürnberg, sowie den Nürnberger Partnerstädten Glasgow, Krakau, Nizza, Prag, San
Carlos und Venedig. Im Oktober erreichte kinderstrasse.org Tübingen, Weimar und
München-Innenstadt. Irgendwann sollen die Straßen der ganzen Republik virtuell
von Kindertexten erschlossen und erkundet sein.
Computer müssen somit wohl nicht unbedingt in die Klassenzimmer, dafür aber
Wolfgang Schlenker. Der Mann ist Autor und Übersetzer, hauptsächlich aber
Projektleiter bei kinderstrasse.org. Mit drei Kollegen besucht Schlenker die
Schulen, setzt die Lehrer von dem Projekt in Kenntnis, die wiederum die Schüler
im Unterricht zum Schreiben einladen. "Wir verstehen das Schüler-Projekt auch
als ein Archiv. Ich möchte gern, dass Kinder schreiben, nicht nur auf ihren
Handys, per SMS, sondern auch längere Texte."
Dass sich Nachbarn über die Aktivitäten der Kinder ärgern könnten - die Website
als Pranger - ist eher unwahrscheinlich. Die jungen Autoren sind weitestgehend
anonymisiert, Nachnamen und Hausnummer fehlen. Wolfgang Schlenker kennt die
Unwägbarkeiten des Massenmediums. "Das Schutzbedürfnis von Eltern und Kindern
ist gewährleistet."
Welcher Schüler also mal richtig ungestraft Dampf ablassen will, darüber, was
einen so tagtäglich ärgert oder freut - nur zu: im Internet. Auch wenn das
Kinderstrassen-Team noch nicht oder nicht mehr vor Ort in der jeweiligen Stadt
und der Schule war, beziehungsweise ist, werden per Diskette eingesandte Texte
angenommen. Dafür brauchen die Kinder sinnvollerweise dann doch wieder einen
Computer. Der kann, muss aber nicht unbedingt im Klassenzimmer stehen.
Texte von:
Luis, Kolibriweg
Hülya, Laubestraße
Tugba, Wildenbruchstraße
Denis, Elbestraße
Fulden, Hermannstraße
Mouhammed, Briesestraße
Solongoo, Karl-Marx-Straße
(alle Neukölln)