"Manche denken, wir sind eine Räuberbande"
Sie stören sich am Hundekot, stöhnen über den Autoverkehr und
haben Angst vor Punkern: in einem bislang einzigartigen Projekt berichten 800
Kreuzberger Kinder über ihren Alltag und warum sie ihre Straße trotzdem mögen.
- taz, Berlin, 7. Januar 00
Wie empfinden Kinder ihre Wohnumgebung? Was mögen sie, was finden sie abstossend?
Wie lebt es sich in den so genannten sozialen Brennpunkten? 800 Kreuzberger
Dritt- bis Sechstklässler an 19 Grundschulen geben jetzt Auskunft. Sie haben
sich am Projekt "Die Straße, in der ich wohne" beteiligt, das bisher bundesweit
einzigartig ist. Ziel war es, so Koordinator Wolfgang Schlenker, die Kinder zu
ermutigen, sich mit Hilfe des Mediums Text mit ihrer unmittelbaren Umgebung
auseinander zu setzen.
Die SchülerInnen produzierten lustige, traurige, oft aber auch sehr
selbstbewußte und freche Berichte. Einige Aussagen ziehen sich wie ein roter
Faden durch die Texte: Hundekot, Drogenabhängige, Autos und Ratten stören das
Leben der Kids empfindlich. Sie fordern mehr Platz zum Spielen, mehr Grün und
weniger Hektik in ihrer Umgebung.
Über 60 Prozent der Kinder, die sich beteiligten, sind nichtdeutscher Herkunft.
Die Texte, die im Deutschunterricht im vergangenen Jahr auf freiwilliger Basis
geschrieben wurden, sind alle ohne inhaltliche Veränderungen übernommen worden.
Nur wenn die Grammatik allzu wirr war, wurde ein bisschen geglättet. Die
Topographie des Bezirks aus der Sicht von Kindern soll im Frühjahr als Buch
erscheinen. Ein ähnliches Schreibprojekt mit SchülerInnen ist in diesem Jahr
auch für den Bezirk Friedrichshain geplant.
Texte von:
Berkan, Köpenicker Straße
Yasemin, Wrangelstraße
Julia, Leuschnerdamm
Muhammer, Adalbertstraße
Gülcin, Schlesische Straße
Abdullah, Kottbusser Straße
Luara, Paul-Lincke-Ufer
Mohammed, Graefestraße
Duygu, Naunynstraße
Jonas, Muskauer Straße