"Liebeserklärungen an das eigene Zuhause"
Nürnberger Nachrichten, 17.
Dezember 01
Es gibt kurze und lange, schöne und hässliche, einladende und trostlose.Manche
schlängeln sich durch grüne Vororte, über andere braust vierspurig der
motorisierte Verkehr. Eines jedoch ist den rund 1800 Straßen in der Stadt
gemeinsam: in ihnen wohnen oder arbeiten Menschen - und deshalb sind sie auch
ein wunderbarer Stoff für Geschichten und Alltagsbeobachten.
Über 5000 Nürnberger Kinder aus 256 Klassen an 56 Schulen haben das jetzt
bewiesen. Sie nahmen teil an einem ungewöhnlichen Schreibprojekt, das im
Deutsch- oder Sachkundeunterricht der Klassen eins bis sechs angeboten wurde.
Unter dem Motto "Die Straße, in der ich wohne" sollten die Kinder das Leben in
ihrer Straße schildern und Geschichten aus ihrer Straße erzählen. Entstehen
sollte dabei ein möglichst genaues Bild der Stadt aus der Sicht ihrer jüngsten
Bewohner.
"Dieses Ziel haben wir ganz klar erreicht", sagt Projektleiter Wolfgang
Schlenker. Er hat eine ähnliche Aktion bereits in den Berliner Bezirken
Kreuzberg, Friedrichshain und Neukölln mit Erfolg betreut.
In Nürnberg waren jetzt erstmals die Kinder einer ganzen Stadt beteiligt, und
die Reaktionen bei Schülern und Lehrern waren so positiv, dass die Nachbarstädte
Erlangen und Fürth bereits Interesse bekunden. Auch Nürnberger Partnerstädte
wollen möglicherweise ein Schreibprojekt organisieren, sagt Schlenker.
Damit das gesammelte Material nicht verloren geht, werden alle Texte erfasst.
Eine Auswahl besonders bemerkenswerter Beiträge soll als Buch erscheinen.
Geordnet nach Straßennamen und Stadtteilen könnte eine Art alternativer
Reiseführer entstehen, meint Schlenker, der vielleicht auch aus
städteplanerischer Sicht interessant sein könnte. "Schließlich melden sich hier
erstmals viele Kinder zu Wort, und berichten, was ihnen an ihrer unmittelbaren
Umgebung gefällt und was nicht."
Und aufgefallen ist den Kindern und Jugendlichen eine ganze Menge: die einen
klagen über fehlende Spielplätze, rücksichtslose Autofahrer und verständnislose
Nachbarn, die anderen erinnern sich an komische und traurige Erlebnisse, wieder
andere verfassten eine kleine Liebeserklärung an ihr Zuhause. "Die Kinder müssen
sich viel mehr Gedanken machen als sonst", sagt die Lehrerin Heidi Seegets, die
auch als Mutter von Philipp von dem Projekt begeistert ist. Toll sei auch die
Rückmeldung in Form der Dokumentation der Beiträge: "Die Kinder merken, dass es
nicht einfach in der Schublade verstaubt."
Texte von:
Antonella, Gostenhofer Hauptstraße
Seda, Propsteistraße
Marco, Flachsröststraße
Likas, Hintere Cramergasse
Philipp, Jakobstraße
Melissa, Kapellenstraße
Matthäus, Neuroder Straße
Peri, Pettenkoferstraße