Grund- und
Sonderschulen nehmen an bundesweitem Projekt teil / Frankfurter Rundschau ist
Kooperationspartner
Frankfurter Rundschau, 27. Mai 05
Mit 5000 bis 6000 Texten von
Frankfurter Grund- und Sonderschülern rechnet der Nürnberger Verein
„Kinderstraße“, der das Projekt „Die Straße, in der ich wohne“ initiierte. Sie
werden ins Internet gestellt, eine Auswahl soll als Buch erscheinen. Für den
Herbst sind Lesungen geplant.
„Meine Straße ist
nach dem heiligen Gallus benannt, der um 1550 lebte“, schreibt Robel aus der
vierten Klasse der Bürgermeister-Grimm-Schule für Lernhilfe. Er wohnt Am
Galluspark. Am besten gefallen ihm dort „die zwei Spielplätze“. Über die
„Großen“, die „vor unserer Haustür spielen“, ärgert sich Esra aus der vierten
Klasse. Und Manuele aus der zweiten Klasse wünscht sich mehr Bäume und Gärten in
der Kleyerstraße.
An der Hafenstraße gefällt Jaswinder aus der 2b der Karmeliterschule „dass ich
so schnell zum Spielplatz gehen kann“ und, man höre und staune, „dass da ganz
viele Autos sind“. Nicht gefalle ihm allerdings, „dass dieser Spielplatz dreckig
ist“ und dass es dort „stinkt“. Sergio von der Lichtigfeldschule, der an der
Schwedlerstraße im Frankfurter Osten wohnt, mag den Schwedlersee, die
Ostparkbrücke, den Ostpark, den Main „und den Containerbahnhof mit über 40
Gleisen“. An der Hanauer Landstraße empfindet er die vielen Autos als Störung.
Kinderbüro geht Missständen nach
Von Spielplätzen ist viel in den kurzen Texten die Rede, manche Schüler wünschen
sich mehr Grün und Fußballplätze, sie ärgern sich über Lärm von der Bahn, der
sie nachts stört und über Hundekot auf dem Bürgersteig. In der
Bürgermeister-Grimm-Schule hatte die Lehrerin Jutta Baumann mit den Schülern
Ausflüge zu ihnen nach Hause unternommen, jeder konnte sehen, wo die Mitschüler
leben. Die Schüler hätten es genossen, so sehr im Mittelpunkt zu stehen,
berichtet sie. Das Projekt „hat die Gemeinschaft sehr gefördert“, meint sie.
Ihr und Andrea Preusche-Glebocki, Rektorin der
Albrecht-Dürer-Grundschule in Sossenheim, fällt auf, dass auch Kinder aus
problembeladenen Wohnvierteln vielfach Positives über ihre Straße schreiben,
etwa Kinder aus den Sossenheimer Hochhaussiedlungen. Sie nennen „die Menschen,
die sie um sich herum haben. Sie zählen immer Freunde auf“, sagt
Preusche-Glebocki. „Die Erwachsenen wollen ausziehen, doch die Kinder wollen
nicht weg“, sagt die Grundschulrektorin. Das spiegelt sich auch in ihren Texten.
Frankfurt ist mittlerweile die achte Stadt, in der Kinder über die Straßen
schreiben, an denen sie aufwachsen. Rund 15 000 Texte stehen inzwischen im
Internet unter www.kinderstrasse.org, berichtet der Initiator des Projektes
Wolfgang Schlenker. In Frankfurt wurden 89 Grund- und Sonderschulen
angeschrieben. Rund 70 Schulen mit mehr als 350 Klassen haben ihre Teilnahme
fest zugesagt. Bis zu den Sommerferien müssen sie die Texte abgeben. Viele sind
bereits bei den Organisatoren eingetroffen, darunter auch in russischer und
arabischer Sprache. Sie werden übersetzt. „Kinder sehen die Welt mit anderen
Augen als Erwachsene“, meint Wolfgang Schlenker, Vater von drei Kindern.
Hundekot auf der Straße stört sie oft mehr als Erwachsene, weil sie kleiner
seien und ihn röchen.
Das Projekt soll Kinder zum Schreiben ermuntern, sie als Experten in eigener
Sache ernst nehmen und ihnen Gehör verschaffen. Angespornt würden sie dadurch,
dass ihre Texte veröffentlicht werden, und zwar in einer Dokumentation für die
Schule, im Internet, und in einer Auswahl die zum Jahresende in einem eigenen
Buch erscheint. Und zwar ohne Änderungen. Nur die Rechtschreibung wird
verbessert. Schlenker, Autor und Übersetzer, hat das Projekt 1999 in
Berlin-Kreuzberg angestoßen. „Wir dachten, es kommen 100 Zuschriften.“ Es wurden
800. Seither hat sich das Projekt, unterstützt von Stiftungen, und Unternehmen
wie BMW und Walt Disney München, von zwei Bundesländern und beteiligten Städten,
weiterentwickelt. Erstmals wird es auch in einem Landkreis laufen. Alle 120
Auslandsschulen sollen angeschrieben werden, ebenso die Blindenschulen. Dass das
Projekt solche Kreise ziehe, habe „am Anfang niemand gedacht“, berichtet
Schlenker.
Kinderbüro und die Stadtbücherei sind in Frankfurt als Kooperationspartner
beteiligt, die BHF-Bank-Stiftung als Sponsor. Mit Lesungen und Ausstellungen
soll im Herbst auf das Projekt aufmerksam gemacht werden. Das Kinderbüro wird
die Texte außerdem auswerten und versuchen, aufgezeigten Missständen
nachzugehen. Christine Noth vom Kinderbüro wird sie lesen und ist schon „sehr
gespannt“.