„Kinder beschreiben ihre Straße für Projekt“Bundesweite Aktion: Schüler sollen sich Gehör verschaffen – Aufsätze werden in einem Buch veröffentlicht Nordbayerische Nachrichten, 6. August 05
„Ich wohne in der längsten Straße des Ortes. Sie verläuft ganz durch unser Dorf. Auf der einen Seite rein, auf der anderen raus (…). Zurzeit ist viel Verkehr, weil die Straße verbreitert wird und ein Haus gebaut wird. Laster knattern an unserem Hof vorbei.“ Trotzdem mag Michael seine Straße. Michael ist zehn Jahre alt und wohnt in Birkenreuth. Für das Projekt „Die Straße, in der ich wohne“ hat er seine Straße ganz genau beobachtet und alles aufgeschrieben. Er hat sich überlegt, wie es ist, in einer Straße ohne Namen in Birkenreuth zu leben. Michael geht in die vierte Klasse der Volksschule Wiesenttal in Muggendorf. Die Schule beteiligt sich als eine von 28 Grundschulen des Landkreises an dem Projekt „Die Straße, in der ich wohne“. Initiator ist der Verein kinderstrasse e.V., der bereits in zahlreichen Städten in Deutschland und auf der ganzen Welt Kinder angeregt hat, über ihre Straße zu schreiben. Er will damit den Kleinen Gelegenheit geben, sich Gehör zu verschaffen und etwas Eigenes entstehen zu sehen. Alle Grundschüler des Landkreises Forchheim von der ersten bis zur vierten Klasse haben sich im vergangenen Schuljahr Gedanken über ihre Straße gemacht. Ist sie groß oder klein, gerade oder krumm? Gibt es wenig Verkehr oder rauschen viele Autos hindurch? Wie sind die Nachbarn? Ein Wochenende lang hatten die Kinder der vierten Klasse der Volksschule Wiesenttal Zeit, um ihre Straße zu beobachten und aufzuschreiben, wer dort lebt und was es besonderes in der Straße gibt. Viele Straßen in Dörfern der Fränkischen Schweiz haben gar keine Namen, einige Kinder haben sich deshalb überlegt, wie ihre Straße heißen könnte, wenn sie ihr einen Namen geben dürften. Herausgekommen sind spannende Schilderungen unterschiedlicher Dörfer und Straßen aus Sicht der Kinder. Interessante Beobachtungen treten zu Tage, denn Kinder nehmen ihr Umfeld anders wahr als Erwachsene. „Sie sind offener und direkter in ihren Betrachtungen“ so Projektleiter Wolfgang Schlenker. Der zehnjährige Fabian aus Engelhardsberg schreibt etwa: „Unsere Straße hat keinen Gehweg, und wenn ich zu unserem neu gebauten Spielplatz und zum Schulbushäuschen gehen will, muss ich auf der Straße laufen. Wenn ich meiner Straße einen Namen geben könnte, würde ich sie Gib-acht-auf-die-Kinder-Straße nennen.“ Begebenheiten des täglichen Lebens aus dem Blickwinkel eines Kindes zu sehen – das ermöglichen die Texte. Im besten Fall schaffen sie es, auf Probleme und Schwierigkeiten der Kinder im Umgang mit ihrer Umwelt aufmerksam zu machen. Die Schüler hoffen darauf, dass ihre Texte etwas bewirken können. Denn alle Aufsätze werden später in einem Buch abgedruckt und veröffentlicht. Das ist ein wichtiger Teil des Projekts. Bisher sind bereits Bücher von Kindern und ihren Texten aus Berlin, Freiburg und Nürnberg erschienen. Auch für die Kinder aus dem Landkreis Forchheim wird es ein eigenes Buch geben. In einem Bezirk von Berlin hat das Projekt auch schon erste Wirkungen gezeigt. Dort haben die Aufsätze dazu geführt, dass der Bewirk mittlerweile darauf achtet, dass der Spielplatz nicht mehr von grölenden Jugendlichen besetzt wird. Denn das hatte die Grundschüler geärgert und sie hatten es in ihren Texten beschrieben. Projektleiter Wolfgang Schlenker ist bei den Erfahrungsberichten der Kinder aus Wiesenttal Interessantes aufgefallen: „Die Kinder in der Gemeinde Wiesenttal sind sehr zufrieden mit ihrem Leben auf dem Land.“ Fast alle mögen ihre Straße, weg ziehen wollen sie nicht. Auch Michael aus Birkenreuth sieht das so: „Ich bin froh, dass ich hier wohne. Ein Leben in der Stadt könnte ich mir nicht vorstellen. Nicht einmal im Traum würde es mir einfallen, in einer Stadt zu leben“ schreibt er über seine Straße. Bisher haben für das Projekt „Die Straße, in der ich wohne“ stets Kinder aus Städten über ihre Straßen berichtet, wie etwa Kinder aus Nürnberg, Berlin, Kassel und Frankfurt am Main. Es ist das allererste Mal, dass auch ein Landkreis in das Projekt von kinderstrasse e.V. einbezogen wird. Den meisten Kindern in der Volksschule Wiesenttal hat die Aktion jede Menge Spaß gemacht. Die zehnjährige Cindy aus Muggendorf findet es toll, „dass wir hier die Chance haben, selbst unsere Gedanken spielen zu lassen“. Und auch die Jüngsten aus der ersten Klasse waren vom Projekt begeistert. Die siebenjährige Luisa erzählt: „Am Anfang hab ich schon überlegt, was ich schreiben soll, dann ist mir aber ganz viel eingefallen.“ Der Rektor der Grundschule Wiesenttal, Karl-Heinz Putz, ist erfreut über das große Mitteilungsbedürfnis der Schüler: „Die Kinder waren von Anfang an sehr angetan davon, ihre Straße vorstellen zu können. Auch Schwierigkeiten, die es gibt, wollten sie mitteilen.“ Und so haben die Kinder von zunehmenden Straßenverkehr berichtet und von Problemen in der Nachbarschaft. Wie etwa die achtjährige Lena aus Streitberg, die schreibt: „Das Auto von unserem Nachbarn röhrt, wenn er den Motor einschaltet, wie ein Elch, und das nervt sehr!“ Für den Leiter des Projekts, Wolfgang Schlenker, steht jetzt eine arbeitsreiche Zeit bevor. Ein meterhoher Stapel von Aufsätzen liegt auf seinem Schreibtisch. Viele tausend Texte werden er und seine Helfer in den nächsten Wochen im Büro des Vereins in Streitberg abtippen. Ende diese oder spätestens Anfang des neuen Jahres werden alle Aufsätze der Kinder aus dem Landkreis in Buchform erhältlich sein. Rund 10 000 Euro schätzt Schlenker wird die Aktion kosten. Möglich machen es Stiftungsgelder und Sponsoren, wie die Sparkasse Forchheim, die Wirtschaftsregion Bamberg-Forchheim und die Nordbayerischen Nachrichten. Wem es zu lange dauert, bis das Buch erscheint, der kann bereits in einigen Wochen alle Texte der Kinder im Internet nachlesen. Unter der Adresse www.kinderstrasse.org gibt es weitere Informationen zu dem Projekt.
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