| „Jugendliche schreiben über
ihre Straße“ Berichte der Schüler sind in der Obersten Gasse ausgestellt Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, Kassel, 6. Juli 04 KASSEL. „Hallo, ich bin Vanessa und wohne im Umbachsweg. Man kann nicht behaupten, dass dort nix los ist. Denn jeden zweiten Monat passiert irgendetwas, zum Beispiel letztens hat bei unserem Nachbar ein kleines Kind Feuer entfacht. Drei Rettungswagen sind gekommen, und der ganze Umbachsweg stand drum herum!“ So beginnt ein Text, der bei dem gemeinsamen Projekt des Kinder- und Jugendbüros Kassel und des Nürnberger Vereins kinderstrasse e.V. entstanden ist und noch bis zum 16. Juli in der Kinder- und Jugendbibliothek in der Obersten Gasse ausgestellt ist. In den Berichten der Schüler der 5. bis 10. Klasse beschreiben diese das tägliche Treiben in ihrer Heimatstraße. An dem Projekt, das sich von Oktober vergangenen Jahres bis zum April 2004 erstreckte, waren die Carl-Schomburg-Schule, die Hegelsbergschule, die Heinrich-Schütz-Schule, die Eichendorffschule, die Offene Schule Waldau, die Leimbornschule, die Reformschule und die Georg-August-Zinn-Schule beteiligt. Viele Straßen-Geschichten, die im Rahmen des Projekts entstanden, sind besonders gut gelungen. Eine dieser Geschichten ist der Text von Ferdaus Asef. Der Autor ist 14, geht in die siebte Klasse der Georg-August-Zinn-Schule, wohnt in der Brückenhofstraße. Wir drucken den Text hier ab. „Und oft ist die Polizei da“ Ferdaus Asef über die Brückenhofstraße: Meine Familie und ich wohnen seit fast vier Jahren in der Brückenhofstraße. Früher gab es hier nicht viele Geschäfte, doch mit der Zeit sind mehrere neue Lebensmittelgeschäfte entstanden. Immer mehr Leute ziehen in die Brückenhofstraße. Das ist aber nichts Besonderes, denn die Wohnungen kann man nicht als teuer bezeichnen. Außerdem ist Brückenhof die waldreichste Gegend in Kassel. Als ich neu nach Brückenhof eingezogen bin, gab es hier fast nur Afghanen und Afrikaner. Die meisten von ihnen zogen um und die Russen zogen in die frei gewordenen Wohnungen. Nun wohnen viele Russen in unserer Straße. Glücklich bin ich, dass es viele Sportplätze in unserer Straße gibt, aber auch dass wir freundliche Nachbarn haben und dass ich nette Freunde gefunden habe. Unsere Straße hat viele stabile Hochhäuser, die aus Beton bestehen. In meiner Heimat Afghanistan gab es viele Häuser, die aus Ziegelsteinen aufgebaut waren. Wir haben in einer Straße gewohnt, in der es sogar ein paar Häuser gab, die aus Lehm bestanden. Außerdem hatten die Straßen dort keine Namen. In der Brückenhofstraße ist eigentlich jede Woche was los, oft ist die Polizei, die Feuerwehr oder der Krankenwagen da. Wenn sie da sind, fragen sich alle, was passiert ist, vor allem wenn die Polizei da ist. Was ich an meiner Straße nicht gut finde ist, dass die Jugendlichen auf dem Spielplatz rauchen, trinken und so weiter. Davon lernen die kleinen Kinder. Denn kleine Kinder wollen meistens das machen, was die Großen machen. Manchmal finden die kleinen Kinder dort Spritzen, verbrauchte Kondome oder Wodkaflaschen, in denen noch Alkohol enthalten ist. Dabei kann es sein, dass die Kinder die Gegenstände aufheben und damit spielen. Deswegen sollten die Jugendlichen ihren Müll in die Mülltonnen werfen. Bei uns in der Straße werden oft Leute beklaut, meistens verschwinden ihre Fahrräder, die im Keller stehen. Später will ich nicht mehr in meiner Straße wohnen, weil sie oft schmutzig ist. Wenn die Leute ihren Müll in die Mülltonnen werfen würden und es nicht so viele Diebstähle geben würde, wäre unsere Straße in Ordnung. |
| „Jede Straße hat eine
Seele“ 1500 Schüler beschreiben ihr Wohnumfeld – Lehrmaterial für Stadtplaner Hessisch-Niedersächsische Allgemeine, Kassel, 20. Juli 04 KASSEL. „Jede Straße hat ihre positiven und negativen Seiten und auch eine Seele. Die Seele besteht aus den Straßenbewohnern. Viele von ihnen haben Probleme, aber sie zeigen es nicht, weil keiner will, dass die Straßenseele beschmutzt wird“. Das sind nicht die Worte eines philosophisch bewanderten Stadtplaners, ihr Autor ist Maxim. Der Siebtklässler hat über die Heerstraße in Kassel geschrieben – und seine Gedanken werden, wie die von 1500 anderen jungen Kasselern, in einem Buch veröffentlicht. „Leben in meiner Straße“, so heißt das Projekt, in dem die Gesamtschüler der Klassen 5 bis 10, Texte über ihr Wohnumfeld verfassen sollten. Eine Arbeit hat die HNA bereits präsentiert, die Dokumentation mit allen Texten wurde Jugenddezernentin Anne Janz jetzt überreicht. „Erwachsene sollen von diesen Texten lernen, denn wir wissen gar nicht, wie Kinder ihre Umgebung wahrnehmen“, beschreibt Wolfgang Schlenker vom Verein kinderstrasse aus Nürnberg den Hintergrund dieses Projektes. Dass die Erwachsenen lernen wollen, versprach die Jugenddezernentin, als sie die Straßenansichten der Schüler entgegennahm: „Ich werde diesen Kinderatlas unseren Stadtplanern vorlegen, damit sie sehen, was ihr in Kassel verändern würdet.“ Das Kinder- und Jungendbüro der Stadt, mit dem Verein kinderstrasse Initiator des von der BHF-BANK-Stiftung geförderten Projektes, will die Arbeiten auswerten und zeigen, was Kinder in den jeweiligen Stadtteilen vermissen, und was sie schätzen. Erste Ergebnisse liegen bereits vor: So empfinden 50 Prozent der Schüler aus den Stadtteilen Helleböhn, Süsterfeld, Niederzwehren und Oberzwehren ihr Umfeld als unsicher. In Mitte, Süd-West und Wehlheiden ist es sogar 70 Prozent nicht sicher genug und zu laut: „Das hätten wir so nicht erwartet“, sagte Bettina Malorny vom Kinder- und Jugendbüro. Manche Schüler beschreiben ihre Angst vor Betrunkenen und Randalierern, andere haben sich über die Straßennamen Gedanken gemacht oder freuen sich über hilfsbereite Nachbarn, ein Mädchen hat die Pflastersteine aus ihrer Straße chemisch untersucht. Während Stadtplaner und Politiker dicke Mappen mit den 1500 Texten bekommen, können die Texte auch im Internet gelesen werden. Das „Leben in meiner Straße“ soll kurz vor Weihnachten in Buchform auf den Markt kommen. Dort wird sich dann auch Bogdan wiederfinden, der an der Friedrich-Ebert-Straße wohnt: „Hier leben sehr viele Menschen – von Pennern bis zu reichen Geschäftsführern. Ansonsten herrscht hier der schnelle Rhythmus des Lebens in der Stadt, und es gilt die Regel „jeder für sich“. Auf der Friedrich-Ebert-Straße lebt man immer glücklich, egal was oder wer man ist!“ |