„Der andere Blick vor die Haustür – Kinder schreiben über ihre Straße“BoD aktuell, Sommer 05
Eine gute Idee und persönliches Engagement – so einfach lassen sich die Bestandteile auf den Punkt bringen, aus denen Wolfgang Schlenker ein überaus erfolgreiches Projekt aufgebaut hat. Mit „Die Straße, in der ich wohne“ legt er den Grundstein einer Schreibwerkstatt für Grundschüler, die mittlerweile unter der Schirmherrschaft der UNICEF weltweit umgesetzt wird. So schreiben inzwischen nicht nur Kinder in Berlin, Kassel oder Freiburg über das Leben in ihrer Straße, sondern auch in Glasgow, Prag und Rio de Janeiro.
Angefangen hat alles 1999 in Berlin-Kreuzberg. Wolfgang Schlenker, der damals als Autor und Übersetzer arbeitete, schaffte es auf Anhieb, 19 Grundschulen von seinem Konzept eines Schreibprojekts zu überzeugen. Kinder zum Schreiben zu ermuntern war als Idee nicht neu – neu und reizvoll war aber das von ihm gewählte Thema. Was auch der enorme Rücklauf bestätigt: Seit dem Start des Projekts haben sich mehr als 15 000 Kinder über den Ort, an dem sie wohnen, Gedanken gemacht und diese zu Papier gebracht. Wolfgang Schlenker, selbst Vater von drei Kindern, hat einen Gegenstand gefunden, der einen zentralen Bereich im Alltag der Kinder darstellt und zu dem jedes Kind einen authentischen Beitrag verfassen kann. Gleichzeitig, so betont er, bietet die Veröffentlichung der Texte im Internet und als Buch den Kindern die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen und auf Missstände hinzuweisen. Mit Erfolg, wie er zu berichten weiß. In Frankfurt etwa wertet das Kinderbüro alle Texte der Kinder aus und versucht, den darin aufgezeigten Problemen nachzugehen. Die Arbeit des 2002 als Verein gegründeten kinderstrasse e. V., für den sich Wolfgang Schlenker nun hauptberuflich engagiert, vergleicht er mit einer Wanderkarawane: „In jeder neuen Stadt beginnen wir bei Null, suchen uns Kooperations- und Medienpartner sowie Sponsoren, die das Projekt finanziell unterstützen.“ Illustre Namen wie BMW, Walt-Disney, die Körber-Stiftung oder die BHF-BANK-Stiftung unterstützen seine Arbeit. UNICEF und das Bundesministerium für Bildung und Forschung fungieren als ideelle Schirmherren. Mit den teilnehmenden Schulen werden jeweils die Rahmenbedingungen vereinbart, wobei Schlenker Wert darauf legt, dass die Gesamtkonzeption offen für Einzelinitiativen der Schulen bleibt, die, wie er sagt, oft weit über den vorgegebenen Rahmen hinausgehen. Nach Eingang aller Texte werden diese digitalisiert und jedes Kind erhält einen Computerausdruck von seinem Text. Gleichzeitig wird er auf der Internetseite www.kinderstrasse.com veröffentlicht, und eine Auswahl der Texte auch in einem Begleitbuch. „Besonders das Medium Buch ist ein wichtiger Pfeiler in unserem Projekt“, erläutert Schlenker, „denn erst damit erhalten die Texte eine nachhaltige Öffentlichkeit, können an Lehrer, Bürgermeister, Stadträte oder die Medien verteilt werden.“ Neun deutsche Städte und Landkreise haben die Kinder auf diese Weise nun bereits schreibend kartographiert, und in der Gesamtschau entsteht, wie bei einem Mosaik, ein neuartiges Bild der eigenen Stadt. Wo gibt es das beste Eis, die leckersten Brötchen, gute Schleichwege oder tolle Geheimverstecke – die Texte ergeben immer auch einen alternativen Reiseführer. Langfristig träumt Wolfgang Schlenker von einem weltweiten Kinder-Straßennetz. „Straßen verbinden Menschen, weltweit. Und gerade aus diesem vernetzenden Charakter bezieht unsere Idee auch ihre Dynamik.“ Neben einem gemeinsamen Projekt mit 130 deutschen Auslandsschulen, entsteht deshalb in Zusammenarbeit mit der Aktion Mensch momentan eine weitere Dokumentation, in der diesmal sehbehinderte Kinder ihre Straße beschreiben. Ein weiterer wichtiger Schritt zum Austausch in einem wachsenden Netzwerk – und ein neuer Blick vor die eigene Haustür.
Texte und Fotos von: Ramona, Industriestraße, Röttenbach Julia, Solar, Hilpoltstein
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