"Das ist die Straße, in der ich wohne"
Zwischen Snack-Oasen und grünen Springbrunnen: 2500 Neuköllner Schüler beschreiben, wo sie leben
Berliner Morgenpost, 11. Juni 01

Wo bist du aufgewachsen? Diese Frage stellt früher oder später jedes Kind seinen Eltern oder Großeltern. Dann werden Geschichten erzählt von früher und anderswo: vielleicht von Opas Plumpsklo und Omas Wohnung mit Ofenheizung, oder auch vom harten Leben in der Nachkriegszeit.
Und ihr, was werdet ihr eines Tages erzählen? 2500 Schüler aus 33 Grundschulen in Neukölln haben sich dazu ihre Gedanken gemacht. Das Thema lautete: "Die Straße, in der ich wohne". In Neukölln gibt es nämlich viel mehr als nur Autos, Kneipen und Hundehaufen. Man muss nur richtig hingucken. Und das können Kinder viel besser als Erwachsene. Während diese nämlich oft blind durch den Alltag hasten, haben Jugendliche gar keine andere Wahl, als selbst zu entdecken, wo man gut spielen kann und nette Leute treffen, wo es Abenteuer zu erleben gibt oder man einfach nur abhängen kann.
So sind lustige, traurige, interessante und manchmal wirklich unglaubliche Geschichten entstanden.Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ausgerechnet an der Donaustraße im Böhmischen Dorf kleine Igel lärmen(!), wie Jalina(10) berichtet? Initiator der Aktion "Die Straße, in der ich wohne" ist der Kulturpädagoge Wolfgang Schlenker, der das Projekt auch schon in Kreuzberg, Friedrichshain und in Nürnberg durchgeführt hat. "Die Kinder sollten aus ihrer Umgebung erzählen und zum Schreiben ermutigt werden", sagt Schlenker. Umgekehrt könnten Erwachsene, zum Beispiel Stadtplaner, viel daraus lernen: noch nie haben sich so viele Kinder dazu geäußert, was ihnen an ihrer Umgebung gefällt und was nicht." Insgesamt haben sich bisher fast 6000 Kinder beteiligt.
Wer mehr über die Aktion wissen möchte, hat bei einer Lesung am Sonnabend, den 7. Juli, ab 16 Uhr die Gelegenheit: im Saalbau Neukölln werden einige der Neuköllner "Autoren" im Rahmen der Veranstaltung "48 Stunden Neukölln" ihre Werke vorstellen. Eine Dokumentation der Texte soll in Zusammenarbeit mit dem Kulturnetzwerk Neukölln entstehen.

Texte von:
Luis, Kolibriweg
Timur, Neudecker Weg
Jonas, Jonasstraße
Vanessa, Werrastraße
Janna, Rhodeländerweg
Jürgen, Warthestraße
Nils, Karl-Marx-Platz
Melanie, Paster-Behrens-Straße
Jalina, Donaustraße
Aytac, Karl-Marx-Straße
Daniel, Schierker Straße